Paralellwelten in Deutschland

Erstellt von Carola Schmitt |

Letzten Sommer war in unserem 2000 Seelen Dorf ein kleiner Familienzirkus zu Besuch und hat auf einer Wiese sein Wohndorf aufgestellt, vielleicht sechs oder acht Wohnwagen, ein paar Tierwagen und ein Zirkuszelt. Ich bin mehrmals daran vorbei gefahren und hatte Lust bekommen, diese Familie kennenzulernen, deren Leben, Kinder, Freuden, Sorgen... und eine Fotoreportage zu machen. Eines Abends, als ich Zeit fand, hielt ich an und schaute mich erst mal bei den Tieren um...

… Bei den Tieren spielten Kinder, bzw. Kinder aus dem Dorf sprachen mit Kindern aus der Zirkusfamilie und tauschten sich neugierig aus! Ich ging von den Ponys zu den Lamas und es dämmerte schon langsam. Die Kinder waren plötzlich auch weg und ein Mann kam zwischen den Wohnwagen auf mich zugelaufen. Ich grüßte freundlich und es stellte sich heraus, dass ich dem Zirkusdirektor und Familienoberhaupt Manuel persönlich in die Arme gelaufen bin. Wir kamen ins Gespräch und was er dann sagte lies mich nicht schlecht staunen: Er hätte 4 ausgewachsene Tiger dabei, ob ich sie sehen wollte! Ich dachte er macht sich lustig über mich... aber nein, ganz und gar nicht…

Ich konnte es nicht glauben, aber er führte mich zu den Käfigen und dem Gehege der Tiger und ich kam aus dem Staunen nicht heraus: Was für prachtvolle, riesige Tiere, immense Tatzen, riesen Köpfe, wunderschönes Fell und durchdringende Augen. Der Familienvater des Zirkus war redselig und erzählte wie er zwei der vier Tiger groß gezogen hat, wie sein Vater und sein Opa schon mit verschiedensten Tieren arbeitete (Bär, Elefant etc.) und wie er seine Tiere liebte. Ich war emotional hin und her gerissen, empört und fasziniert, geschockt und voller Verständnis... Ich fragte ihn, ob ich die nächsten 2 Tage vorbei kommen könnte, um eine persönliche Familienreportage zu machen. Er stimmte zu und ich ging an dem Tag aufgewühlt nach hause.

Am nächsten Tag, blauer Himmel und die Sonne schien heiß, mochte ich mich der trügerischen Idylle des Wanderzirkus hingeben: die Wäsche trocknete in der Sommerbrise, die Kinder spielten im Planschbecken, alle waren aufgekratzt und gut drauf, ich besuchte die Wohnwagen, hier wurde online gearbeitet, dort wurde gesessen und geschwätzt, ich durfte überall fotografieren und ließ mir die Familienverhältnisse erklären.

Es ist nämlich kompliziert, der Vater Manuel hat elf Kinder und schon unzählige Enkel und wenn man die Kinder nach Namen, Alter und Zusammengehörigkeit fragt, dann ist die 13 jährige Nadine die Tante von der 11 jährigen Jessica und die beiden spielen miteinander... also ich habe es irgendwann aufgegeben und die Kinder kicherten fröhlich.

Manuel erzählte aus seinem bunten, Nomadenleben und ich fragte nach wegen seiner Tiere. In jedem neuen Ort, den er ansteuert, kommt ein Tierarzt vorbei und muss ihm die Gesundheit und ordnungsgerechte Haltung der Tiere bestätigen, alles wird geprüft und festgehalten. Manuel erzählt stolz, dass er immer gelobt wird für den Zustand und die Haltung seiner Tiere. Nichtsdestotrotz hat er immer wieder massiven Ärger mit massiven Angriffen von Tierschützern und Vereinen, die das Ende der "Qual" der Tiger vor allem fordern. Er soll sie abgeben, aber wohin? Die Tiere sind mit ihm aufgewachsen und kennen nichts anderes... Es ist ein großes und sehr delikates Thema.

Soweit ich weiss ist inzwischen alles im Umbruch und er gab dem enormen Druck nach. Er hat mit der finanziellen Hilfe von Freunden ein Gehege in einem Tierpark einrichen können wo die Tiere nun leben und von ihrer Wanderschaft befreit sind.

Was ist das für ein Nomadenleben, was bedeutet es immer unterwegs zu sein? Wie werden die Kinder erzogen? Als ich das Thema Schule und Bildung ansprach, habe ich mich etwas erschrocken, die Kinder können nicht wirklich lesen oder schreiben... Um Schreibverkehr und Formulare kümmern sich 2-3 Erwachsene des Clans, die irgendwie damit klar kommen. Die Kinder würden schon auf's Leben vorbereitet werden, so gut es geht eben von den Erwachsenen und irgendwie online... Das hat mich schon ein bisschen traurig gemacht, denn den Kindern werden so viele Chancen genommen.

But the Show must go on… Die täglichen Vorstellungen werden von allen Familienmitgliedern gestemmt, den Söhnen und Schwiegertöchtern, der Tochter samt Schwiegersohn, den Jugendlichen, der Mutter und Oma, dem Vater, den Tieren. Man taucht tatsächlich in eine kunterbunte Welt voller freudiger und spannender Momente ein, tolle Akrobatik, Clownerei, Messerwerferei. Die vier Tiger in dem Mini-Zelt sind natürlich der absolute unfassbare Höhepunkt (für so ein kleines Dorf!!)! Aufregend und traurig zugleich. Sprachlos sehe ich zu, wie sie durch Reifen hüpfen und wünsche ihnen ein anderes Leben...

Mein Einblick in diese Familie war berührend und ich bin froh, zwei Tage diese Paralellwelt kennengelernt zu haben. Die Familie hat ihre ganz eigenen Regeln und Weisheiten, so ist es eben. Und so ist kurioserweise der Familienmame auch Programm: Zirkus Manuel Weisheit.

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